Lernen lernen: Die Kunst, wieder Anfängerin zu sein

Persönlichkeitsentwicklung bedeutet sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen

Persönlichkeitsentwicklung braucht Ehrlichkeit statt Perfektion

Oft entfalten Erfahrungen im Rückblick ihre Bedeutung. Während wir sie erleben, sind sie unspektakulär. Man fährt zu einer Ausbildung, trifft neue Menschen, macht Übungen und erhält Feedback – alles im Sinne von Persönlichkeitsentwicklung. viel später wird deutlich, wie viel sich verändert hat.

So ging es mir mit meiner Ausbildung zur Lehrcoach. Ich dachte, ich würde lernen, andere Menschen noch besser auszubilden. Heute weiss ich, dass es dazu geführt hat, mich selbst mit anderen Augen zu sehen. Das klingt einfacher, als es war. Denn ich begegnete dort einem alten Bekannten: meinem Perfektionismus.

Mein Perfektionismus war nie besonders laut. Er trat nicht als strenger Antreiber auf, der ständig sagte: „Du bist nicht gut genug.“ Er war viel höflicher. Er flüsterte Sätze wie: „Bereite dich lieber noch etwas gründlicher vor.“ oder „Das kannst du bestimmt noch klarer erklären.“ Es waren vernünftige Gedanken. Sie sorgten sie jedoch dafür, dass ich meine Leichtigkeit verlor.

Wegweiser durch den Blogartikel

Wieder Anfängerin sein: Qual und Kunst

Ich erinnere mich an einen der ersten Ausbildungsblöcke. Am Abend zuvor hatte ich meine Unterlagen noch einmal durchgesehen, obwohl ich viele der Modelle kannte. Systemische Fragen gehören seit Jahren genauso zu meinem Alltag wie Kommunikationsmodelle oder Identitätsarbeit. Und trotzdem wollte ich möglichst nichts dem Zufall überlassen.

Als ich am nächsten Morgen vor der Gruppe stand, passierte etwas Merkwürdiges. Ich wusste alles. Und gleichzeitig fühlte es sich an, als hätte jemand den Zugang zu meinem Inneren abgeschaltet. Ich hörte mich sprechen. Ich erklärte. Aber innerlich dachte ich ununterbrochen: „War das verständlich?“ „Hast du etwas vergessen?“ „War das jetzt richtig?“

Es war mehr als Aufregung. Ich war zwar körperlich anwesend. Gleichzeitig war ich so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass für alles andere kaum noch Raum blieb. Ich war weder mit den Menschen im Raum noch mit mir selbst verbunden, sondern versuchte ein Bild von mir zu darzustellen, das ich noch nicht fühlen konnte.

Perfektion ist anstrengend

Rückblickend war die Ausbildung fachlich gar nicht das Schwierigste. Schwierig war, dass ich alles richtig machen wollte. Ich bemerkte etwas, das ich aus Coachings gut kannte. Wenn Menschen unter Druck geraten, verlieren sie häufig den Zugang zu ihren Stärken. Sie werden vorsichtiger, kontrollierter oder sogar kleiner. Genau das geschah mit mir.

Je mehr ich wollte, desto enger wurde mein Blick. Ich hielt mich stärker an die Skripte. Ich überlegte sehr genau, bevor ich sprach. Ich kontrollierte Formulierungen. Von außen fiel das kaum auf. Innerlich kostete es unglaublich viel Energie, weil ich ständig gegen mich selbst arbeitete. Mein Perfektionismus war erschöpfend.

Wissen verändert nicht automatisch

Diese Erfahrung hat mich überrascht. Schließlich begleite ich seit vielen Jahren Menschen dabei, eigene Muster zu erkennen. Ich spreche mit ihnen über Antreiber, innere Haltungen, Glaubenssätze und Persönlichkeitsentwicklung. Über Perfektionismus und Selbstzweifel. Ich kenne die Modelle, die Forschung und die Methoden.

Trotzdem saß ich plötzlich selbst mitten in einem dieser Muster. Das war ernüchternd. Bis ich begriff, dass darin etwas Wichtiges lag. Denn Wissen schützt nicht davor, Mensch zu sein. Es hilft vielleicht dabei, die eigenen Muster schneller zu erkennen. Damit konnte ich innehalten und freundlicher mit mir sein – so, wie ich es meinen Klient:innen empfehle

Freundlichkeit ist kein Luxus

Seit Jahren begleite ich Menschen dabei, freundlich mit sich selbst umzugehen. Wenn mir jemand im Coaching erzählt, dass etwas nicht gelungen ist, frage ich oft: „Würdest du mit einer guten Freundin genauso sprechen?“ Fast immer lautet die Antwort: „Natürlich nicht.“ Während der Ausbildung wurde mir bewusst, dass ich keine Ausnahme war.

Auch ich begegne anderen Menschen mit Mitgefühl. Ich weiß, dass Lernen Zeit braucht und dass Unsicherheit dazugehört. Nur für mich selbst hatte ich andere Regeln. Ich erwartete von mir etwas, das ich niemandem zugemutet hätte. Warum fiel es mir so schwer, mir selbst dieselbe Freundlichkeit entgegenzubringen?

Entwicklung braucht einen sicheren Raum

Mein Blick öffnete sich für die Atmosphäre während der Ausbildung. Niemand erwartete Perfektion. Niemand stellte jemanden bloß. Niemand musste beweisen, dass er oder sie bereits alles konnte. Natürlich gab es Feedback, manchmal auch kritisches. Aber ich erlebte, dass die Kritik nicht beschämen muss.

Nach und nach begann ich, mir selbst etwas von dieser Haltung zu erlauben. Statt mich zu fragen, wie ich Fehler vermeiden könnte, fragte ich mich: „Wie möchte ich mit mir umgehen, wenn mir Fehler passieren?“ Damit verschob sich mein Blick von dem Versuch, alles zu kontrollieren, hin zu einem freundlicheren Umgang mit meiner eigenen Unsicherheit.

Es entstand auch für mich ein Raum, in dem Lernen möglich wurde. Ein Raum, in dem Fragen wichtiger waren als schnelle Antworten. Ein Raum, in dem Unsicherheit nicht als Schwäche galt, sondern als Teil von Entwicklung. Die Veränderung begann, als ich aufhörte, mich selbst beweisen zu müssen.

Der Wendepunkt kam leise

Wenn ich heute gefragt werde, wann sich etwas verändert hat, kann ich keinen bestimmten Tag nennen. Es gab keine Übung, nach der alles anders war. Nichts, was mein Denken auf den Kopf stellte. Es war eher wie der Wechsel der Jahreszeiten: Lange passierte scheinbar nichts und dann war plötzlich Frühling.

So war es auch bei mir. Mit der Zeit hörte ich auf, nach jeder Unterrichtseinheit innerlich eine Liste meiner Fehler zu erstellen. Stattdessen fragte ich mich: „Was ist heute gelungen?“ Und plötzlich nahm ich auch wieder etwas wahr, was mein innerer Fehler-Monolog überlagert hatte: die Menschen vor mir.

Ich konnte ihnen ansehen, wenn etwas verständlich wurde. Ein Satz aus dieser Zeit begleitet mich. Nach einer Unterrichtssequenz sagte eine Frau: „Ich habe mich gut aufgehoben gefühlt.“ Nur dieser Satz. Er traf mich unerwartet. Denn darum ging es ja: dazu beizutragen, dass die Teilnehmenden sich sicher genug fühlten, um zu lernen.

Je entspannter ich wurde, desto vollständiger wurde mein Blick. Er wanderte wieder zu den Menschen und ich bemerkte Fragen, Neugier und Unsicherheiten. Ihre kleinen Aha-Momente. Ich erinnerte mich daran, warum ich meinen Beruf so liebe: weil mich Menschen faszinieren. Weil ich es liebe, wie neue Gedanken entstehen.

Was ich heute anders verstehe

Selbstreflexion verändert den Blick auf eigene Ansprüche, Fehler und Entwicklung.

Wenn ich auf diese Monate zurückblicke, erinnere ich mich selten an einzelne Methoden. Ich erinnere mich an Gespräche, an Blicke und ein gelungenes Miteinander. Und ich erinnere mich, wie ich nach und nach aufgehört habe, mich ständig zu bewerten. Ich bin freundlicher mit mir. Heute bedeutet Lernen für mich auch, das zu sehen, was bereits da ist.

Ich habe unterschätzt, wie viel Kraft in dieser kleinen Veränderung liegt. In dem Moment, in dem sich der Blick nicht mehr ausschließlich auf die Defizite richtet, entsteht Raum. Raum für Neugier, Kreativität und Entwicklung. Und für ein wenig Gelassenheit. Jetzt macht das für mich Persönlichkeitsentwicklung aus.

Warum ich heute anders coache

Natürlich hat mich die Ausbildung auch fachlich weitergebracht. Ich habe Modelle vertieft und Zusammenhänge klarer verstanden. Das Wertvollste geschah jedoch an einer anderen Stelle. Ich habe noch einmal selbst erlebt, dass Entwicklung einen eigenen Rhythmus hat. Sie lässt sich weder beschleunigen noch erzwingen.

Als Evolutionsbiologin war mir dieser Gedanke vertraut: Entwicklung braucht Zeit. Während der Lehrcoach-Ausbildung musste ich ihn offenbar nochmal selbst erleben. Heute begleitet mich diese Erfahrung auch in meinen Coachings. Ich habe weniger Eile. Ich vertraue dem Rhythmus von Prozessen mehr. Nicht jede Erkenntnis muss sofort entstehen.

Deshalb wünsche ich den Menschen, die zu mir kommen, nicht nur, dass sie Sicherheit finden, eine Entscheidung treffen oder ihren nächsten Schritt erkennen. Ich wünsche ihnen auch die Erlaubnis, unterwegs zu lernen. Und die Gelassenheit, einen Fehler nicht sofort als Scheitern zu bewerten. Denn Veränderung braucht Vertrauen und Freundlichkeit.

Mein persönliches Fazit

Wenn ich heute diesen Artikel lese, muss ich lächeln. „Wie ich gelernt habe, mir selbst beim Lernen zuzusehen.“ Genau das beschreibt diese Zeit. Ich habe gelernt, meinen Blick zu verändern. Weg von der Frage: „War das gut genug?“ Hin zu: „Was durfte ich heute lernen?“ Diese kleine Verschiebung hat mehr verändert, als ich damals ahnte.

Ich bin nicht weniger anspruchsvoll. Aber ich bin freundlicher mit mir, wenn etwas noch nicht gelingt. Und ich möchte neugierig bleiben. Mich überraschen und irritieren lassen. Und den Mut behalten, auch in Zukunft wieder Anfängerin zu sein. Ich habe die Kunst gelernt, mir selbst beim Lernen weniger im Weg zu stehen.

Die Autorin hinter dem Blogartikel

Persönliche Entwicklung braucht Zeit und folgt nicht immer einem geraden Weg.

Ich bin Dr. Andrea Mess, systemische Coach und promovierte Evolutionsbiologin. Seit vielen Jahren begleite ich Menschen in beruflichen Veränderungs- und Entwicklungsprozessen. Wissenschaftliche Neugier, genaues Beobachten und die Bereitschaft, vermeintliche Gewissheiten immer wieder zu hinterfragen, prägen meine Arbeit bis heute.

Die Ausbildung zur Lehrcoach war für mich deshalb mehr als eine weitere fachliche Qualifikation. Sie hat mir die Gelegenheit gegeben, selbst noch einmal Lernende zu sein, mit allem, was dazugehört: Unsicherheit, hohen Ansprüchen, Feedback, Entwicklung und der Erfahrung, dass Wissen und Können nicht dasselbe sind.

Heute fließt diese Erfahrung sowohl in meine Coachings als auch in meine Arbeit mit Gruppen und Ausbildungen ein. Ich möchte Menschen nicht zeigen, wie etwas „richtig“ geht. Mich interessiert, was entsteht, wenn sie ihre eigene Art zu denken, zu lernen und zu arbeiten entdecken. Und den Mut entwickeln, sich selbst zu vertrauen.